LEBENS- und SOZIALBERATUNG

 

 

 

INTEGRATIVE GESTALTBERATUNG

 

 

 

Was versteht man unter Integrativer Gestaltberatung (IG)?

 

Alle Erklärungsversuche münden in langen, vielseitigen Abhandlungen oder gar in ganzen Büchern (z.B. Gestaltberatung von Dorothea Rahm) und eine kurze und prägnante Erklärung habe ich bislang nicht gefunden.

Deshalb hier ein Versuch:

 

Der Namenszusatz „Integrativ" weist auf die Einbeziehung verschiedener, insbesondere methodischer und theoretischer Weiterentwicklungen - besonders in Europa - hin.

 

In der Gestaltarbeit geht es im Wesentlichen um die Berücksichtigung des ganzen Menschen, um die Förderung von Bewusstheit im Hier und Jetzt und um die Auflösung von Vermeidungsmechanismen, um auf diesem Wege die Bildung einer „guten Gestalt“ zu ermöglichen.

 

Wie im obigen Satz ersichtlich, können die über 100 Gestalt-Gesetze zu drei wesentlichen Bereichen zusammengefasst werden:

-      Ganzheitlichkeit,

-      Figur-Hintergrund,

-      Tendenz zur Bildung guter Gestalten.

 

 

So – und jetzt kommt die etwas ausführlichere Erklärung (zu den drei oben genannten Bereichen):

 

GANZHEITLICHKEIT

Dieses Prinzip besagt, dass das Ganze (die Gestalt) mehr und etwas anderes ist, als nur die Summe seiner einzelnen Teile.

Eine Melodie zum Beispiel besteht aus einer Reihe von Tönen, ist aber eben mehr als das. Der besondere Zusammenhang, in dem die Töne zueinander stehen, macht erst die Melodie, lässt die Gestalt entstehen. Auch ein geschriebener Satz ist mehr als die Summe seiner Buchstaben.

Entsprechend wird der Mensch im Rahmen der Gestaltarbeit als Körper-Geist-Seele-Einheit aufgefasst. Die Arbeit auf einer dieser drei Ebenen kann nie unabhängig von den anderen Ebenen betrachtet werden. Darüber hinaus wird auch der Mensch in seinem Kontext, d.h. Mensch plus Umgebung, als Einheit betrachtet, da er mit seiner Umwelt interagiert, diese gleichzeitig verändert und durch sie verändert wird.

 

FIGUR-HINTERGRUND

Gestalten heben sich als prägnante, umgrenzte, geschlossene „Figuren“ von einem unstrukturierten, formlosen „Hintergrund“ ab. Der „Hintergrund“ verleiht der Figur Perspektive, er dehnt sich hinter der Figur aus, die Figur unterbricht ihn nicht.

Im Konzept der Gestaltberatung bildet das ganze Leben des Menschen, mit all seinen Erfahrungen, den Hintergrund. Aus dem Hintergrund können jederzeit „Gestalten“ – z.B. eine Wahrnehmung – in den Vordergrund treten und zur Figur werden, die im Moment vorrangig Bedeutung erhält. Das Auftauchen einer Figur vor dem Hintergrund wird bestimmt durch die aktuelle Bedürfnislage des Organismus. Nach der Bedürfnisbefriedigung tritt die Figur in den Hintergrund zurück und es entsteht eine neue Figur-Hintergrund-Struktur.

Die Figur-Hintergrund-Bildung steht im Dienste der Selbstrealisierung und Selbstaktualisierung (Theorie der „organismischen Selbstregulation von K. Goldstein), wonach der Organismus am besten „weiß“, was für ihn optimal ist. Jeder Organismus verfolgt eine inhärente Tendenz zur Selbstverwirklichung, die darauf abzielt, sich kreativ an die jeweilige Situation anzupassen.

 

TENDENZ ZUR BILDUNG GUTER GESTALTEN

Die Fähigkeit zur spontanen Selbstorganisation, ein tief in uns angelegter Drang, Gestörtes in Ordnung zu bringen, der es uns ermöglicht, situationsgemäß ein inneres Gleichgewicht aus eigenen Kräften wieder herzustellen und sich neu zu stabilisieren wird als „Tendenz zur Bildung guter Gestalten“ bezeichnet.

Das Prinzip der Ganzheitlichkeit, also die Tendenz des Organismus, in seinem Erleben jeweils ein Ganzes wahrzunehmen und zu erinnern, anstatt einer Ansammlung von Teilen, setzt sich dahingehend fort, dass Wahrnehmungen und Erfahrungen im Gedächtnis eine "Schließung“ erfahren, selbst wenn die tatsachlichen Stimuli kein vollständiges Ganzes bilden. Normales und natürliches, menschliches Verhalten strebt danach, eine Erfahrung zu Ende zu führen, wobei ein Gefühl von Vollständigkeit und Abschluss erlebt wird. Wir sind dann frei und in der Lage, zu der nächsten Sache überzugehen, die unsere Aufmerksamkeit erregt.

Aber nicht jeder Mensch ist zu jeder Zeit in der Lage, sich entsprechend dieser Tendenz zu verhalten und zu entwickeln. Wenn die Tendenz zur Bildung guter Gestalten ohne jede Störung abläuft, so ist das optimal. Die Gestaltarbeit sieht ihre Aufgabe darin, einen derartigen Ablauf zu ermöglichen bzw. darauf aufmerksam zu machen, wenn dieser gestört ist.

Es besteht auch eine Tendenz, unerledigte Situationen zu erledigen bzw. offene Sachverhältnisse zu klären – die Tendenz zur Schließung offener Gestalten, wird in der Gestaltarbeit auch mit „unfinished business“ bezeichnet.

 

 

 

 

ENTWICKLUNG

 

Die nachfolgenden Ausführungen über Integrative Gestalttherapie gelten auch für die Integrative Gestaltberatung.

 

Die Integrative Gestalttherapie gehört zu den humanistischen Verfahren in der Psychotherapie und hat sich aus der klassischen Gestalttherapie entwickelt. Diese entstand aus der jahrzehntelangen Auseinandersetzung des Berliner Psychoanalytikers Fritz S. Perls (1893 - 1970) und seiner Frau Lore Perls (1906 - 1990, Psychoanalytikerin und Gestaltpsychologin) mit der Psychoanalyse.

 

In der Entwicklung der Gestalttherapie spielte außerdem die Auseinandersetzung der Perls` mit dem Existenzialismus (Heidegger, Tillich, Marcel), der Phänomenologie (Husserl, Scheler), der Dialogphilosophie Bubers und der Gestaltpsychologie (Goldstein, Lewin) eine Rolle.

In der therapeutischen Arbeit richteten die Perls` ihre Aufmerksamkeit früh auf den Körper, auf einen aktiven Zugang zur/zum Patientin/Patienten und auf eine differenzierte Widerstandsarbeit.

Nach der erzwungenen Emigration der Perls` 1932 nach Südafrika und 1946 in die USA wurden Einflüsse der Chicagoer Schule der Sozialpsychologie für die Gestalttherapie wichtig. Über den Sozialphilosophen, Alternativpädagogen und Schriftsteller Paul Goodman fanden symbolisch-interaktionistische Theorien (G.H. Mead) und sprachphilosophische und hermeneutische Konzepte Eingang in die Gestalttherapie. Goodman stellte die Analyse krankmachender gesellschaftlicher Verhältnisse sowie die Verantwortung des Einzelnen in den Mittelpunkt seiner therapietheoretischen Überlegungen.

Wilhelm Reich gibt Perls den ersten Anstoß für das, was später einmal zur Gestalttherapie wird. Reich hat die analytische Technik nach eigenen Vorstellungen verändert: Er achtet auf die nicht-verbalen, körperlichen Reaktionen seiner Patienten, denn er ist der Meinung, dass sich seelische Probleme vor allem auch körperlich äußern. Und er nimmt den Widerstand seiner Patienten ernst und analysiert ihn ebenso wie ihre Träume und Phantasien, anstatt ihn nur als unerwünschtes Hindernis zu betrachten.

Neben Reichs Arbeit gibt es noch andere Quellen, aus denen die Gestalttherapie entsteht. Als junger Mann arbeitet Perls in Berlin bei dem großen Regisseur Max Reinhardt und lernt dabei viel über den körperlichen Ausdruck von Gefühlen; 1924 hört er in Frankfurt die Vorlesungen des Gestaltpsychologen Kurt Goldstein, seine Erfahrungen als Analytiker und seine Kenntnis des Existentialismus und Zen-Buddismus beeinflussen Perls zusätzlich. 1942 veröffentlicht Fritz Perls sein erstes Buch "Ego, Hunger und Aggression", in dem er der Psychoanalyse eine Absage erteilt und die Grundlagen dessen formuliert, was bald zur Gestalttherapie werden soll, sie wurde zu einer "expressiven" Form der Behandlung, in der Inneres nach "außen" gebracht wird, Verdrängtes offenkundig werden soll.

Ende der 60er Jahre kehrte die Gestalttherapie nach Europa zurück. Deutschsprachige Gestalttherapeuten knüpften in vertiefter und vertiefender Weise an die europäischen Quellen der Gestalttherapie an (Bubersche Dialogik, Existenzialismus, Phänomenologie, Hermeneutik, Gestaltpsychologie, "Ungarische Schule" der Psychoanalyse).

Durch die Integration psychoanalytischer, klassisch-gestalttherapeutischer und entwicklungstheoretischer Ansätze auf einer phänomenologisch-tiefen-hermeneutischen Grundlage gelang es, konzeptionelle Unfertigkeiten und Schwächen der klassischen Gestalttherapie zu überwinden.

 

 

Die unvollkommene Gestalt

 

Perls gab unbefangen zu, dass er sich nicht gerade gründlich mit der Arbeit der Gestaltpsychologen beschäftigt hatte. Was ihn an deren Theorie interessierte und was er übernahm, war vor allem die Vorstellung von der "unfertigen Gestalt" und der Tendenz zur "guten Gestalt". Eine Gestalt, so sagten die Gestaltpsychologen, ist eine Menge von Einzelelementen, die mehr ist als nur die Summe der einzelnen Teile. Eine Melodie zum Beispiel besteht aus einer Reihe von Tönen, ist aber eben mehr als das. Der besondere Zusammenhang, in dem die Töne zueinander stehen, macht erst die Melodie, lässt die Gestalt entstehen. Der gesunde Mensch ist im Grunde auch so eine "gute Gestalt": Ein harmonisches Ganzes, in dem alle Wahrnehmungen, Gefühle, Erfahrungen und Handlungen zueinander in einem fließenden Gleichgewicht stehen.

Nur gibt es leider nicht so viele gesunde, oder wie Perls sagen würde, reife, vollständige Menschen auf der Welt, dafür sehr viele neurotische. Der neurotische Mensch ist wie die unfertige Gestalt, er ist nicht mehr ganz: Aufgrund von Erfahrungen und Einflüssen in der Kindheit hat er Teile seiner selbst, seines "authentischen Selbst", abgespalten, weggedrängt, von seiner Wahrnehmung ausgeschlossen. Gefühle wie Hass, Traurigkeit, Wut zum Beispiel oder Bedürfnisse nach Nähe, Kontakt, aggressive oder sexuelle Wünsche. Der neurotische Mensch hat gewissermaßen Lücken: Lücken in seinen Empfindungen und in seiner Wahrnehmung, er nimmt sich selbst nur noch auszugsweise wahr und ebenso die Umwelt.

Er ist auch nicht in der Lage, seine gegensätzlichen Strebungen wahrzunehmen und zu integrieren. Es gibt immer beides in uns, Hass und Liebe, Trauer und Freude, nur schieben wir den "unangenehmen" Partner dieser Paare lieber von uns weg. So ist denn eine Gestalttherapiegruppe, wie der Gestalttherapeut Ulrich Schurrmann sagt, ein "Übungsplatz, um zu erfahren, dass Leben immer beides ist: gut und schlecht, göttlich und teuflisch, voller Angst und voller Frieden, leicht und schwer, vollkommen und unvollkommen ... Alles das muss gelebt werden - und wenn ein Teil dieser Paarlinge unterdrückt wird ... dann entsteht die neurotische Persönlichkeitsstruktur - die unfertige Gestalt."

 

Die unfertige Gestalt oder auch der "Zeigarnik-Effekt" (so genannt nach der Lewin-Schülerin B. Zeigarnik, die ihn 1926 beschrieb), der besagt, dass unerledigte Aufgaben im Gedächtnis haften bleiben, also nach Erledigung drängen, hat in der Gestalttherapie noch eine weitere Facette. Unerledigte Geschäfte sind unbewältigte Konflikte und Probleme der Kindheit. Sie wollen erledigt werden, drängen in die Gegenwart, so dass wir das Hier und Jetzt nicht richtig erleben, dass wir es nur verzerrt und lückenhaft wahrnehmen können, entsprechend den alten Problemen. Wer noch immer auf der Suche nach der nicht erreichten Liebe von Vater oder Mutter ist, der sieht jeden Partner, jede Beziehung (unbewusst) nur unter diesem Aspekt: Krieg ich von dir die Liebe, die ich damals nicht bekam? Wer immer noch die Auflehnung gegen den übermächtigen Vater mit sich herumschleppt, dessen Leben ist von dieser unterschwelligen Trotzhaltung geformt und verengt.

Unerledigte Geschäfte, schreibt der Gestalttherapeut Wolf Büntig, sind alle jene verleugneten und unterdrückten Bedürfnisse des heranwachsenden Organismus, all der zurückgehaltene Protest gegen Verlassenheit, Mangel, Unterwerfung und Missachtung, nicht ausgedrückter Trauer über einen Verlust, und all die damit verbundenen Emotionen von Verzweiflung, Wut und Trauer. Und Perls meint: Das bekannteste der unerledigten Geschäfte ist die Tatsache, dass wir unseren Eltern nicht verziehen haben. Du kannst den Eltern immer die Schuld zuschieben, wenn du das "Du bist schuld"-Spielchen spielen und die Eltern für deine ganzen Probleme verantwortlich machen willst. Du hältst dich so lange im Zustand eines Kindes, bis du willens bist, deine Eltern loszulassen ... . Das ist Bestandteil der Therapie - Eltern loszulassen und vor allem seinen Eltern vergeben, was für die meisten das Schwerste ist.

 

 

Gestalttherapie ist Lückenfüllen

 

In der Therapie geht es darum, die Lücken zu füllen, die Teile von uns, die wir abgespalten und von unserer Wahrnehmung ausgeschlossen haben, wieder zu entdecken und uns zu eigen zu machen, um wieder ganz zu werden. Dies bedeutet auch Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung, wie Fritz Perls sie versteht, ist eins der Schlüsselworte der Gestalttherapie. Reif und wirklich erwachsen zu werden, heißt die Verantwortung zu übernehmen für die eigenen Gefühle, Gedanken und Handlungen. Verantwortlich ist wer sagen kann: Ich bin ich und Ich bin, was ich bin und nicht: Ich bin so, weil meine Eltern dies und das mit mir getan haben oder Ich bin so, weil die Gesellschaft so und so ist. Der neurotische Mensch projiziert vieles, was er an sich nicht ertragen kann, auf die Außenwelt; er erlebt dann etwa die eigene, abgespaltene Aggressivität als Bedrohung durch die anderen. Oder er projiziert seine sexuellen Wünsche und kann sich nun über die Unmoral seiner Mitmenschen erheben. Damit entzieht er sich auch der Verantwortung für seine eigenen Gefühle. Therapie heißt also auch, diese Verantwortung wieder zu übernehmen, diese abgespaltenen, projizierten, ungeliebten Anteile wieder in sich selbst hereinzuholen - Lückenschließen eben.